Klenkendorfer 100-Jahrfeier – am 26. Oktober 1924

Quelle: „Aus Gnarrenburgs vergangenen Tagen“, dem Buch von Hinrich Meyer.

Auf der großen Diele der freundlichen Wirtin, Mutter Schröder, ging’s hoch her. Fast ganz Klenkendorf war beisammen. Jung und alt, klein und groß – sie alle waren gern gekommen, um noch einmal in dem großen Buche der Erinnerungen aus Klenkendorfer vergangenen Tagen zu blättern.

Ein von Pastor Kruse – Gnarrenburg verfasste und von Fräulein Beck – Gnarrenburg wirkungsvoll gesprochener Prolog leitete die Feier stimmungsvoll ein:

Prolog:

Die Heide blüht, in rote Glut getaucht
Lag das verlassene Moor, so still und einsam da,
ins Gold der Abendsonne eingetaucht.
Ein Bild, auf dessen Schönheit noch kein Auge sah.

Dein rosenfarbig Kleid, dein Prachtgewandt
Verblüht, verschimmert, ohne dass man dran sich freut.
Den Weg zu dir das flücht’ge Wild nur fand,
dem dort im hohen Kraut vor Menschen Schutz sich beut.

Die Menschen sprechen nur vom dunklen Moor,
das ernst und herbe an den düst’ren Tod gemahnt,
vom jungen Blut, das dorthin sich verlor,
und liebeskrank in deinem Arm Vergessen fand.

Und dunkle Sagen geistern um dich her
Von Lichtern, die zur Nachtzeit müde Wand’rer narren.
Wer ihnen folgt, den sieht man niemals mehr,
vergebens wär’s, wollt man auf seine Rückkehr harren.

Vor hundert Jahren zogen Menschen aus,
die trieb ein hartes Los aus ihrer Heimat fort.
Die bauten mutig hier im Moor ein Haus,
und nannten stolz nun Klenkendorf den neuen Ort.

An müh und Arbeit war ihr Leben reich,
auch Not und Sorgen blieben ihnen nicht erspart.
Ob Sommer oder Winter, immer gleich
Spannt Groß und Klein ins Joch die Arbeit schwer und hart.

Sie kamen erst im Tode zu der Ruh,
die ihnen das Leben nur so karg geschenkt.
Schlagt heute der Erinnerung Buch nicht zu.
Ohn dass ihr ihrer auch mit Dankbarkeit gedenkt!

Das Moor hat heute keine Schrecken mehr,
die Wiesen grünen und die Felder bringen Frucht.
Und aus den Städten kommt schon mancher her,
der Schönheit der Natur und ihren Frieden sucht.

Zur Frühjahrszeit, im zarten Birkengrün,
wie bist du Moor so schön, so unberührt, so rein.
Zur Sommerszeit, wenn all’ die Blumen blühn,
wenn rote Blätter glühn im Herbstessonnenschein.

Wenn düster liegt auf dir der Wintertag,
und schneebedeckt die Häupter deiner Tannen sind,
wenn’s Wasser friert, im kleinen schnellen Bach,
und durch die Bäume jagt der kalte Winterwind.

Wie ist die Heimat doch so wunderschön!
Wie denken heut wir doch mit unserem besten Dank
Der Väter, die sie schufen und an den,‘
des Name Findorff, unter uns hat guten Klang!

Und nun, die ihr in dieser Heimat lebt,
reicht euch im Geiste einig, treu die Bruderhand.
Nach Vorwärtsschreiten emsig weiter strebt!
Kein innerer Hader trenne eure Heimatband.

Wenn einst die Enkel diesen Tag begehn,
von Neuem kehret dieses Dorfes Jahrhundertwende,
dass ihr dann auch vor ihnen könnt besteh’n,
und sie euch danken ob des Wirkens eurer Hände.

 

Theaterstück: Aus Klenkendorfs Vergangenheit

Still, ganz still wurde es im weiten Raume, als nun der Vorhang sich auftat und in vier Bildern ein Stück Entwicklungsgeschichte Klenkendorfs, von der jungen Welt meisterhaft gespielt und von Pastor Kruse – Gnarrenburg geschrieben, an dem Auge der Zuschauer vorüberzog. Du lieber Leser, wirst mir gerne folgen, den der Erinnerung Blätter sind Zeuge vergangener Zeiten:

1. Akt.

Man sieht in das Innere einer Moorhütte. Ein Torffeuer brennt lustig, herum sitzt die Familie. Vater Klenk raucht aus einer Stummelpfeife und ist emsig beschäftigt, Holzschuhe anzufertigen. Sein Sohn Hinni arbeitet an einem Weidenkorb, die Mutter strickt und die Tochter Gesche spinnt. Der Raum wird von einem Kienspan erleuchtet.

Vadder Klenk:

„So Mudder, dütt is nu de erste Obend, den wi hier in düsse Wildnis in uns egen Hus tobringt. Wi häbt düsset Vörjohr, Sommer und Harwst uns düchtig wat quält. Glik no Ostern güng dat rin in de Törfkuhl. Mannigen Soden häbt wie rutsmeeten, du und ick, und Gesche und Kinni mussen affschuben. Ober dat weer man god, dat de Sommer drög wüer, und wie mannigen Bullen vull Füertörf noh Bremervör hinbrocht hevt. De Buern up de Geest heppt uns woll Holt taun Bauen und Schoof ton Dackdecken geben, ober se keken toletzt doch bannig scheef up de Moorkirls. Nu hewt wi gor twe Beester in’n Stall und drei Swin. De een wicht all 250 Pund. Un nu kik di mol üm in disse Döns. Steiht dor uk noch nich veel in, is doch alns uns eegen und all suer verdeent. Seggt Kinner, is dat nich ene feine Villa , in de wi wohnt?“

Mudder Klenk:

„Jo Vadder, mit de Villa lot uns man noch täuwen, de baut wi uns in ditt Leben woll nich mehr. Ober Recht hest du doch. Dat is tau schön, wenn man up sinen egen Krom sitt. Du weest doch, wat de Köster up Trina Wöltjen ehre Hochtied jümmer sung: „Der Mensch braucht ein Plätzchen, und sei’s noch so klein, von dem er kann sagen, sieh, das hier ist mein“. O, wie könt den’n ohlen Vadder Findorff gornich genoch danken, datt em de Not von de lütten Lüe so an Harten legen hett, und he so vör se sorgt, dat se hier in’t Moor sik Hüs bauen und eene Heimat finen könt.“

Man hört draußen ein Stampfen, es klopft.

Hini:

„Du Vadder, dat bummst dor buten so.“

Vadder Klenk:

„Herein denn in Gottes Namen, dor hett sick wolle en in’t Moor verbiestert.“

Die Tür öffnet sich, es treten ein: eine Frau und ein Mann, dahinter Sohn von 25 und Tochter von 20 Jahren.

Mutter Murk:

„Wohnt hier de Mooranbuer Jan Klenk?“

Vadder Klenk:

„Jo, dat bün ick. Blos nu sech mol, kein büst du denn, wat woll du den hier?“

Vadder Murk:

„Ick bün Jan Murk. Wi komt utn Amt Stode. Wi sünd mit de Post bitt Bremervör kommen, von dor ut tau Foot mit Sack und Pack up de Schufkor. Nu wör dat düster, un wi kunnen nix mehr sehn. So biestert wi nu all drei Stünnen hier in de Wildnis ümher, und hept dat Moor verwünscht. Unse Sina see toletz jümmer „Bleibe im Lande, und nähre dich redlich“, bit ick ehr denn Sä, swig still, Deern.“

Vadder Klenk:

„Na, wen ji denn ehrliche Lüe sünd, denn man ran ant Füer un warmt jo erst mol. So Mudder, kok uns mol en ordentlich Taß Roggenmokka. Dat schall uns allen god dohn. Kinner, hebbt ji jau dat ok ordentlich overlecht, dat ji hier herkomt? Ein Paradies is dat hier nich, nix as Heid un Moor.un quälen mut man sick, von Morns, ehe de Sünn upgeiht, bitn Obend, lang noh ehren Ünnergang. Unse Dag hett in’n Sommer 16 Stün’n Arbeitstied, sünst komt wi dor nich mit toschick. Un dinkst du, du kannst in’n Winter utraun, ne, ne, denn geiht de Törfschipperei no Bremervör un noch wieter de Ost rünner los.und de poor Groschen, de wi denn vör denn Törf kriegt, lecht wi gliek in Zucker und Mehl an.“

Vadder Murk:

„Na, nu mok us man nich vörher bang as dat losgeiht. Süh, ick stamm von de Geest bi Stode her und hebb dat Timmerhandwark lehrt. As ik Gesell wör, hebbt ick use Mudder kennen lehrt. Dei Tieden worn tolest jümmer schlechter. Dor hör ick nu, date een gewisse Findörp in dat Moor bi Gnarrenborg Lüe ansiedeln leet. Dor hew ick mi ok meldt. Nu kannt losgohn. Wenn wi uck nich to Riektum komt, so doch to us eegen Hus.“

Vadder Klenk:

„Soo, du büst Timmermann, dat is man god, dat wi hier nu ok so eenen hebbt. Nu ward dat ok woll Tid datt wie uns to Bedd leggt. Wi leggt hier Stroh an de Eer. Carsten, du leggst denn jümmer een poor Soern Törf upt Füer, denn bliwt dat warm. Oberst eher wi uns slopen legt wött wi lesen. So holt wi dat bi us. Hini, lang mi mol dat ole Stackenbook ut’n Schapp.erst wött wi mol alltohop singen: Ach bleib mit deiner Gnade.“

Vadder Klenk:

„Hinni, segg du mol Luthers Obendsegen up.“

Hinni betet laut den Abendsegen.

Vadder Klenk:

„So, nu noch dat Vaterunser.“

Hinni betet das Vaterunser.

Vadder Klenk:

„Un nu gode Nacht. Und slopt man god in jau nee Heimat.“

 

Der 2. Akt spielt drei Jahre später.

1. Szene

In der Mitte der Stube steht ein hohes Bett, in dem Vater Klenk als sterbender liegt. Um ihn herum stehen Mutter Klenk, Vater und Mutter Murk, Carsten Murk, Gesche Klenk und Hinni Klenk.

Vadder Klenk:

„Carsten sech, du büst doch rut noh Gnarrenborg wehn und hest denn Pastor Kuhlmann dat secht, dat ick in’n starben lich?“

Carsten Murk:

„Jo, Vadder Klenk, hei hed secht, hei wull glick’s sin Peerd satteln und denn so rasch he künn, noh hier herkommen. He bröch di uk glik dat Obendmohl mit.“

Gesche und Carsten:

„Vadder, leiwe Vadder, du schaß nich starwen, du schaß bi us blieben.“

Vadder Klenk:

„Et steiht schreeben „Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben“ , und nu is de Reech an mi, denn mine Tid is dorhin. Dat Woter sticht mi jümmer höger, no’n Harten to. Nu warr ick woll bald mine letzte Reis no Gnarrenborg, up denn Karkhoff moken. Ick bün möe (müde) von all dat veele Abeit’n, und starven do ick nu ganz geern. „Jesus meine Zuversicht und mein Heiland ist im Leben.“ Dorop wull ick ok starven. Hört mol to Kinner: Uns Mudder ward uk bald old und kann nich mehr arbeit’n. Se hett so treu mit mi utholen und so flitig mit mi arbeit. Und wat wi dohn hebbt, Kinners, dat hebbt wi för jo dohn. Kinner, wöt ji joe Mudder ok jümmers in Ehren holen?“

Gesche und Carsten zusammen:

„Jo, Vadder dat wöt wi.“

Es klopft. Pastor Kuhlemann tritt herein, gibt allen Anwesenden die Hand und tritt dann ans Bett.

Pastor Kuhlemann:

„Na, Vadder Klenk, wo geiht denn?“

Vadder Klenk:

„Och, Herr Pastor, ick glöw, ick mok nu bald mine letzte Reis’ na Gnarrenborg ropp.“

Pastor Kuhlemann:

„Nun, mein lieber Klenk, Sie haben so tapfer hier zuerst das Werk der Siedlung begonnen und sind in den wenigen Jahren so gut vorangekommen. Sie sind einer von den wenigen gewesen, die nie den Mut verloren haben und nie mit Klagen zu uns gekommen sind. Wenn es Ihnen mal schlecht ging, Sie sind immer wieder mit Gottvertrauen ans Werk gegangen. Sie haben ein stattliches Haus, ihre Kühe weiden auf Wiesen, die Sie mit eigener Hand urbar gemacht haben. Ihre Frau hat Ihnen immer treu zur Seite gestanden als eine rechte Lebenskameradin. Wer so im Leben auf Gott vertraut und seinen Segen sichtbar verspüret hat und ihm allzeit von Herzen dankbar gewesen ist, der braucht sich auch nicht vor dem Sterben zu fürchten, besonders, wenn er weiß: Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Wenn es des Herrn Wille ist, wir Menschen können uns nicht dagegen wehren.“

Vadder Klenk:

„Nee, Herr Pastor, ick bünn tofreer. Ick denk: Was Gott tut, das ist wohlgetan.“

Pastor Kuhlemann:

„Und nun wollen wir uns zu der heiligen Feier rüsten.“

Der Vorhang fällt.

 

2. Szene

Pastor Kuhlemann hat das Abendmahl gereicht und schickt sich zum gehen an. Carsten und Gesche treten Hand in Hand vor des Vaters Bett.

Gesche:

„Min lewe Vadder,. wi hebbt beide noch wat up’n Harten. Süh, Carsten und ick sünd uns all twee Johr god un könt nich mehr von enanner loten. Wi wöt die, Vadder, bitten dat du uns dinen Segen und dien Jowoort giwst, dat wie beide freen (heiraten) kunnen.“

Carsten Murk:

„Jo, Vadder, geew uns dinen Segen.“

Vadder Klenk:

„Jo, mien leeven Kinner, von Harten geern, nähmt minen Segen. Dat hebb ick doch all wüßt, dat ut jo beiden noch mol een Por wor. Du, Gesche, büst Arbeit gewöhnt und kennst Arbeit. Um di bünn ick nich bange. Du, Carsten, büst mi seit dem ersten Obend, wo ick die sehn heff, lew. Ick geev die gern mine Gesche to Fro. So und nu geevt mi beide de Hand und versprekt mi, dat ji solang, bit uns Hinni vulljährig is, hier bi Mudder up de Stelle bliwen wüllt. Holt ehr ok god in Ehren. Und denn, wenn Hinni so wiet ist, du weest, Gesche, ick heew vörn Johr för die een Stell’ (Hofstelle) boben in’n Dörp no de Möhlen rut köfft. Denn treckt ji dorhin und seiht to, dat ji torecht kommt. Mi is durüm nich bang. Nu holt dat ok alle Tid, as ick un Mudder dat hol’n hebbt: An Gottes Segen ist alles gelegen.“

Carsten und Gesche knien nieder vor dem Bett. Vater Klenk legt ihnen die Hände auf, dann erheben sie sich wieder.

Vadder Klenk:

„Mudder, Mudder, giv mi dine Hand. Ick dank di ok, dat du mi jümmer so een goode Fru wenn büst und mi bistohn hest. Mudder, mi ward so anners……“

Der Vorhang fällt.

 

Der 3. Akt

Versetzt uns in eine Gemeindeversammlung. Klenk ist lange Jahre Gemeindevorsteher gewesen und es gilt nun einen neuen Vorsteher zu wählen. Harm Riggers, der vertretungsweise die Vorstehergeschäfte führte, hat seine Sache so gut gemacht, dass ihm das Vorsteheramt übertragen wird. Der vom neuen Vorsteher Riggers eingebrachte Antrag, das Moordorf, das bislang noch keinen eigentlichen Ortsnamen führte, nach dem verdienten früheren Vorsteher Klenk, Klenkendorf zu benennen, wird einstimmig angenommen. Das Amt eines Schoolmeesters wird Jochen Kück, der des Lesens und Schreibens kundig ist und auch rechnen kann, gegen eine Entschädigung von jährlich 5 Reichstalern übertragen. Außerdem erhält er jede Woche zwei Zehnpfundbrote, Befreiung von allen Kanalarbeiten – denn darauf kommt es ihm besonders an – wird ihm zugesichert.

 

Im 4. Akt

Endlich sehen wir Carsten und Gesche als junges glückstrahlendes Hochzeitspaar in vollen Brautstaate in Niedersachsentracht vor uns. Unter den lustigen Klängen einer Ziehharmonika wiegen sich die Hochzeitsgäste in fröhlichem Tanz.

Der Vorhang fällt. Das Stück ist aus.

 

Postmeister Meyer – Gnarrenburg dankt, im Auftrag der Gemeinde Klenkendorf, Pastor Kruse dem Veranstalter des Abends für seine Mühe und Arbeit und Landrat Grubitz für sein Wohlwollen und Fürsorge gegenüber Klenkendorf.

Postmeister Meyer beschreibt 1925 in sein Buch „Aus Gnarrenburgs vergangenen Tagen“ auch seine Eindrücke von Klenkendorfs Jahrhundertfeier so.

Im gemütlichen Geplauder, bei Kaffee und Kuchen, gingen die schönen Stunden all zu schnell dahin. Die vorgerückte Abendstunde drängte zum Aufbruch. Nur ungern trennte ich mich von dem gastlichen Klenkendorf in dem Bewusstsein, einzig schöne Stunden, die noch lange in der Erinnerung fortleben werden, dort zugebracht zu haben.

Trotz allen Stürmen der Zeit ein fröhliches „Glückauf“ der lieben Moorgemeinde Klenkendorf.

So feierte Klenkendorf sein 100 jähriges Jubiläum 1924 vor fasst 100 Jahren nach alten Quellen und Überlieferungen von Heinrich Meyer, Postmeister in Gnarrenburg.